«Mental gesund zu sein bedeutet für mich, das Steuer des eigenen Lebens in der Hand zu halten, anstatt nur zu existieren.»

Porträt-Serie «Das Universum in mir» mit Giorgia | 12th Dec 2023

Es war ein einzelner Streit mit ihrem Vater, der zu einem Wendepunkt in ihrem Leben werden sollte. Die sonst ruhige und besonnene Giorgia explodierte förmlich. «Ich hatte damals einen Wutausbruch gegenüber meinem Vater, den ich als sehr untypisch für mich empfand. Ich glaube, alles drängte: Ich musste die Universität abschliessen und wusste nicht, wie es weitergehen sollte. Ich fühlte mich ein wenig verloren, unverstanden und auch hatte das Gefühl auch kaum jemals Anerkennung von meinen Eltern zu erhalten, sodass es einfach aus mir herausplatzte.»

Hilfe, was passiert mit mir?

Giorgia hatte einen Punkt in ihrem Leben erreicht, an dem sie sich selbst nicht mehr wiedererkannte. Der Gedanke an eine Therapie war für sie naheliegend, da sie selbst Psychologie studierte und viele ihrer Mitstudent:innen ohnehin regelmässig mit einer Psychologin oder einem Psychologen sprachen. So konnte Giorgia ohne Probleme Empfehlungen sammeln, die sie zu ihrem ersten Therapeuten führten: Einem jungen Mann um die 30, bei dem sie aber nicht lange bleiben sollte.

«Ich fühlte mich überhaupt nicht wohl. Vielleicht sah ich in ihm eine zu grosse Ähnlichkeit mit meinem Vater, der nicht wirklich einfühlsam ist, und konnte deshalb nie ganz darauf vertrauen, dass er versteht, was in mir vor sich geht. Im Nachhinein habe ich das Gefühl, dass ich mir das alles nur eingebildet habe. Aber ich bin immer noch froh, dass ich zu einer Frau gewechselt bin. Wir hatten mehr Gemeinsamkeiten und ich hatte das Gefühl, dass wir besser zusammenpassen.»

«Ich hatte immer mit einer schlechten Beziehung zu meinen Eltern zu kämpfen und einem geringen Selbstwertgefühl, das mich förmlich lähmte.»

In der Therapie näherte sich Giorgia gemeinsam mit ihrer Psychotherapeutin der Ursache für ihre aufgestaute Wut gegen ihre Eltern, bis sie plötzlich auf ein viel tiefgreifenderes, umfassenderes Thema stiess: Ihr geringes Selbstwertgefühl und ihre Empfindung, wertlos und der Liebe nicht würdig zu sein.

«Zu Beginn der Therapie fühlte ich mich, als würde ich nur ellenlange Monologe halten. Ich war verzweifelt auf der Suche nach Antworten und Lösungen und nicht zufrieden damit, wie es lief. Ich sah keinen Sinn in meinen Sitzungen, denn ich redete und redete, bis meine Therapeutin mir eines Tages eine einfache Frage zu einem Thema stellte, über das ich gerade sprach, und ich in wasserfallartige Tränen ausbrach. Das war der Moment, in dem ich wirklich anfing, dem Prozess zu vertrauen.»

«Therapie hilft auch bei alltäglichen Problemen»

In ihren Sitzungen lernte Giorgia nicht nur sich selbst besser kennen, sondern auch, die Perspektiven der Menschen um sie herum einzunehmen und ihr Verhalten so besser nachvollziehen zu können. Dank ihres Psychologiestudiums war sie ohnehin bereits von unterschiedlichsten Therapiemethoden und ihren Erfolgen überzeugt. Als Giorgia aber sah, wie sehr sich ihre Lebensqualität durch ihre Sitzungen verbesserte, begann sie, sie noch stärker zu empfehlen.

«Die anfängliche Reaktion meiner Familie war: ‘Aber mit dir ist doch alles in Ordnung’. Das ist das klassische Missverständnis in Bezug auf das Thema. Viele denken immer noch, dass man quasi ‘verrückt’ sein muss, um eine Therapie in Anspruch zu nehmen. Deshalb halten sie es auch für sich selbst nicht für notwendig und glauben nicht wirklich daran. Ich denke, es ist schwierig, jemandem das Misstrauen und die Vorurteile zu nehmen, die über Generationen hinweg entstanden sind. Hinzu kommt die unterschwellige Angst davor, was es für das eigene Leben bedeuten könnte, seine Sorgen und Ängste laut auszusprechen.»

Viele von Giorgias Freunden und auch ihre Schwester nahmen aber ihre Empfehlungen an und suchten sich auch professionelle Hilfe. Manchmal ist alles was es braucht, eine Person im Umfeld, die das Tabu bricht. «Die Beziehung mit meiner Schwester hat sich stark verbessert, seit wir beide in Therapie waren und an uns gearbeitet haben. Ich bin stolz auf die Fortschritte, die ich machen konnte und rede gerne darüber, warum Psychotherapie oder auch ein psychologisches Coaching jedem helfen kann.»

«Wir versuchen ständig, etwas an uns zu ändern, von dem wir denken, dass es schlecht ist. In Wahrheit handelt es sich dabei oft um Charakterzüge, die andere an uns lieben.»

Auch viele von Giorgias Ansichten haben sich dank ihrer Therapie verändert. «Ich habe mich in Therapie begeben, um nicht mehr so viel wegen allem Möglichen zu weinen. Jetzt habe ich gelernt, zu akzeptieren, dass ich sehr sensibel und empathisch bin, was viele meiner Freunde und Familienmitglieder an mir schätzen. Auch habe ich erkannt, dass das eigene Selbstwertgefühl Schwankungen unterliegt. Es geht nicht darum, dass alles perfekt ist – man muss die Achterbahnfahrt nehmen, wie sie kommt und auch die stressigen Phasen als Teil des Lebens akzeptieren.»

Derzeit ist Giorgia nicht mehr in Therapie. Sie ist nach Spanien umgezogen und wohnt jetzt mit ihrem Partner zusammen, was ihr viel Freude und Halt schenkt. «Ich hatte das Gefühl, dass ich in einer Phase bin, in der ich keine Therapie mehr benötige und habe deshalb aufgehört. Wieder anfangen würde ich aber trotzdem gerne, weil ich sehe, wie sehr mir die Sitzungen im Alltag helfen. Darin kann ich bereits kleine Dinge thematisieren und so verhindern, dass sie zu grösseren Problemen werden.»

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Über Giorgia

Giorgia ist 27 Jahre alt und hat Psychologie und Kriminologie studiert. Sie liebt es, in der Natur unterwegs zu sein und wandert, klettert und reist für ihr Leben gerne. Giorgia probiert mit Freude neue Dinge aus, die sie aus ihrer Komfortzone herausholen. Sie ist Veganerin, Nostalgikerin und kocht – oder sie versucht es zumindest. Ihre Freizeit verbringt sie am liebsten mit ihrem Freund und ihrer Katze, zieht sich aber auch mal mit einem Buch zurück. Die zweisprachige Italienerin lebt in Spanien und eignet sich derzeit noch eine dritte Sprache an: Deutsch.

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Sarah di Aepsy

Aepsy ist menschliche Kreativität, Ästhetik und Technologie für einfachen, stigmafreien Zugang zu mentaler Gesundheit. Wir reissen Hürden ein und setzten Köpfe frei. Bis alle mental befreit ihren Träumen folgen können. Für uns, für dich und die Generationen nach uns.

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